Der gelebte Glaube und die Berufung

02 November 2020
Kardinal Péter Erdő feierte die Eucharistie in der St.-Josef-Kirche in Józsefváros für das Seelenheil der an der Coronavirus-Epidemie Verstorbenen und die Heilung der Kranken.

Die Homilie das Oberhirten wird in voller Länge veröffentlicht.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

1. Dieses Jahr bieten wir die heilige Messe am Allerseelentag für diejenigen an, die in unserem Land an der COVID-Epidemie verstorben sind. Aber beten wir auch für unsere Kranken, die Verwandten und all diejenigen, die wegen der Epidemie besondere Lasten zu tragen haben. Diese zweite herbstliche Welle bedeutet für viele eine große physische, materielle und seelische Probe. Es ist auch ein Anlass, über das Leben des einen oder anderen früheren Erzbischofs von uns nachzudenken, und zwar aus dem Gesichtspunkt des gelebten Glaubens und der Berufung.
2. Vor zweihundertelf Jahren ist Karl Ambrosius von Habsburg-Lothringen gestorben, der der Enkel von Maria Theresia und der Neffe des Kaisers und ungarischen Königs Franz I. war. Er ist 1785 in Mailand geboren: Seine zwei Taufnamen hat er von den zwei berühmtesten frommen Bischöfen dieser Stadt bekommen, Ambrosius von Mailand und Karl Borromäus. Er wurde 1807, im Alter von 22 Jahren, zum Priester geweiht. In den Stuhl des Erzbischofs von Esztergom hat ihn Papst Pius VII. am 16. März 1808 ernannt, natürlich hat er ihn von dem Hindernis des Altersmangels befreit, damit er den Bischofsgrad des Sakraments der Ordination aufnehmen konnte. Kaum hat er seine Diözese übernommen, hat der Napoleonische Krieg auch Ungarn erreicht, und der junge Fürstprimas hat den Auftrag bekommen, an der Organisation des Komitat-Militärs gegen die Franzosen teilzunehmen. In der Schlacht bei Győr/Raab am 14. Juni 1809 erlitten die Ungarn eine Niederlage. Der Primas hat für die verletzten Soldaten Krankenhäuser errichtet. Er hat aber nicht nur organisiert und verwaltet, sondern hat die Kranken auch selbst besucht und gab ihnen seelischen Trost. Dabei hat er Typhus bekommen, an dem er am 2. September 1809, im Alter von 23 Jahren, auch verstorben ist.

3. Seinen kurzen Lebensweg betrachtend, könnten wir denken, dass er wegen seiner königlichen Herkunft überall einen Vorteil genoss, und andere vielleicht auch schon seine politische Laufbahn geplant hatten. Aber die Vorsehung hat es anders verrichtet. Darin hatte er selbst aber eine persönliche Rolle. Wenn er die fürstliche Distanz zu den Bedürftigen, Behinderten und Kranken gehalten hätte, hätte er vielleicht ein langes Leben gelebt. Er hat aber selbst entschieden, dass er der Lehre von Christus folgen wollte. Denn am jüngsten Tag, wie Jesus selbst uns lehrt, werden wir nicht gefragt, welcher Herkunft wir sind oder was für ein hohes Amt wir in unserem Leben innehatten, sondern es wird das Wort des ewigen Richters ertönen: „Ich war krank, und ihr habt mich besucht.“ (Mt 25,36) Darum dachten viele der alten Menschen, dass, wenn jemand mit Glauben, Liebe und opfervoll die epidemisch Kranken besucht und pflegt, aber die Krankheit bekommt und daran stirbt, dieser eigentlich ein Märtyrer ist, denn er gab sein Leben aus christlicher Liebe Aber die Heiligsprechung unter dem Titel des Märtyrertums erfordert auch, dass im Märtyrertum auch der Verfolger oder Tyrann oder dessen Diener auftritt, der den Tod verursacht. 2 Die letzte Woche in Nizza in der Kirche getöteten Katholiken können wir also zu Recht als Märtyrer betrachten, sie wurden nämlich mit Absicht, aus Hass gegen den Glauben ermordet. Über diejenigen jedoch, die im Dienst der christlichen Tugend der Nächstenliebe an einer Krankheit gestorben sind, schreibt Papst Benedikt XIV., dass sie nur im weiteren Sinne zu Märtyrern erklärt werden können, aber nach der Praxis der Kirche nicht im engsten Sinne Märtyrer genannt werden können. In einem solchen Fall verursacht den Tod nämlich nicht eine freie menschliche Handlung seitens des Verfolgers, sondern die Infektion selbst. Wie auch immer wir das Glaubenszeugnis des jung verstorbenen Erzbischofs von Esztergom/Gran nennen, so ist sicher, dass er in seinem kurzen Leben und Tod für die helfende Liebe ein Beispiel gesetzt und die Werke der Barmherzigkeit ausgeübt hat. Nach der Lehre von Christus sind es diese Taten, die zählen werden, wenn der Allmächtige die Bilanz unseres Lebens zieht.
4. In den letzten zweihundert Jahren hat sich die Medizinwissenschaft stark entwickelt, wir wissen viel über die Natur der Infektionen. Das Beispiel von Erzbischof Karl Ambrosius lehrt uns nicht, die obligatorische Vorsicht zu verwerfen, sondern lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Wesentliche. Tun wir nach unseren heutigen Möglichkeiten alles für diejenigen, die auf Hilfe angewiesen sind. Wenn jemand von unseren Lieben finanziell in Not geraten ist, helfen wir ihm in dieser Hinsicht. Wenn einen die plötzlich auf ihn gestürzte hohe Arbeitslast drückt, versuchen wir, ihm darin das Leben einfacher zu machen. Es ist für alle wichtig und ein wahrhaftiger Akt der Barmherzigkeit, wenn wir die Regeln der Vorsicht einhalten, um die Gesundheit anderer nicht zu riskieren. Denken wir nur daran, dass die Krankheit eines Menschen oft das Leben ganzer Familien zerstören kann.
5. Von den Werken der Barmherzigkeit erinnern wir uns heute besonders an zwei. Das eine: die Toten zu begraben. Auch früher war das nicht ausschließlich ein hygienischer Brauch, sondern verlieh dem nach Gottes Ebenbild geschaffenen Menschen Respekt. Nach unserem christlichen Glauben ist der getaufte Mensch die Kirche Gottes. Deswegen verabschieden wir uns von unseren verstorbenen Lieben im Rahmen einer kirchlichen Zeremonie. Darum besuchen wir auch ihre Gräber.
Es ist aber auch ein Werk der Barmherzigkeit, dass wir für die Lebenden und Toten beten. Das Gebet für die Toten ist von Anfang an Brauch der christlichen Gemeinschaft. Wir glauben, dass, wenn sich jemand bei seinem Tod im Zustand der Gnade befindet, aber noch Läuterung braucht, ihm unser Gebet hilft, so schnell wie möglich zur Erlösung zu kommen. Die großartigste und wirksamste Form des Gebets ist die Eucharistie. Dabei vergegenwärtigen wir das Kreuzesopfer Christi. Er ist derjenige, der den Menschen erlöst hat. Aus seinem Verdienst, an ihn gebunden, eröffnet sich ein Weg für uns zur ewigen Glückseligkeit. Deswegen bieten wir die heilige Messe für unsere Toten an.
Herr, gib ihnen die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen. Amen.

Photo: Marcsi Ambrus

Quelle: IEK